Die Berechnung des R-Faktors basiert auf der Entwicklung der Zahl der Neuinfektion pro Tag. Daher soll zunächst der Verlauf (geglättet, 7-Tage Mittel) der Zahl der Neuinfektionen pro Tag mit dem Verlauf der Neuinfektionen pro Tag unter Berücksichtigung der Zahl der Tests verglichen werden. Zunächst werden die vom RKI veröffentlichten absoluten Zahlen der Neuinfektionen pro Tag gezeigt (schwarze Kurve). Diese Kurve zeigt ein Maximum von 5595 Neuinfektionen für den 04.04.2020. Die rot gestrichelte Kurve zeigt berechnete Werte von Neuinfektionen pro Tag unter Berücksichtigung der Testzahlen. Diese Kurve zeigt ein Maximum von 14449 Neuinfektionen für den 04.04.2020. Hätte man also am Hochpunkt der ersten Welle genau so viele Tests durchgeführt, wie aktuell, hätte man einen zweieinhalbfach höheren Wert gemessen.

Man kann natürlich nur die tatsächlich gemessenen Werte veröffentlichen, so, wie es das RKI tut. Unabhängig davon gibt es aber eine Dunkelziffer, die, zusammengenommen mit den gemessenen Werten, die Gesamtzahl aller Infizierten darstellt. Um dies abzuschätzen, hat Hendrick Streeck eine Untersuchung an einer Modellgemeinde (Gangelt) durchgeführt, die, am 02.05.2020 publiziert, weitestgehend unbegründet kritisiert wurde. Man kann sich jetzt, an Hand der in der obigen Abbildung gezeigten Zahlen, fragen, ob die Zahl der Neuinfektionen in der ersten Welle heruntergespielt wurde, um es nicht ganz so dramatisch aussehen zu lassen oder ob die aktuell veröffentlichte Zahl von Neuinfektionen erhöht wird, um es „schlimm genug“ aussehen zu lassen. Eine nüchterne Betrachtung der Zahlen beobachte ich nicht wirklich.
Wichtig: Die tatsächliche Zahl an Neuinfizierten pro Tag ist unabhängig von der Zahl der Tests! (Eigentlich gehören hier 25.000 Ausrufezeichen hin.)
Die in der folgenden Abbildung gezeigten Kurven sind zur besseren Vergleichbarkeit auf das jeweilige Maximum normiert. Man erkennt, dass die Zahl der Neuinfektionen pro Tag (schwarze Kurve) am Ende der Darstellung deutlich zunimmt, wohingegen die Zunahme der Infektionszahlen unter Berücksichtigung der Testzahlen (rot-gestrichelt) nur moderat zunimmt und aktuell auf etwa dem gleichen Wert liegt wie zur Zeit der Zunahme der Infektionen durch Ausbrüche in der fleischverarbeitenden Industrie (Tönnies Peak). Die Kurven sind bis zum 23.08.2020 dargestellt. Das entspricht dem Datum, bis zu dem die Testzahlen veröffentlicht sind (Ende KW34). Der Verlauf der Testzahlen (normiert) ist grün-gestrichelt dargestellt.
Wichtig: Der starke Anstieg in den letzten Wochen ist vor allem eine Folge der starken Zunahme von Tests.

Dass der Anstieg der Infektionszahlen tatsächlich wesentlich auf die Erhöhung der Testzahlen zurückzuführen ist, ergibt sich auch aus einer Betrachtung der Anzahl positiver Testungen pro Kalenderwoche (blaue Kurve in der folgenden Abbildung). Dieser Anteil betrug am Hochpunkt der Pandemie in Kalenderwoche 14 (KW14), die am 30.03.2020 begann, 9,03%. Das bisherige Minimum wurde in KW28 (06.07.2020) zu 0,59% gemessen. Der letzte „Peak“ betrug 0,99% in KW32 (03.08.2020). Zu Zeiten der Hotspots mit vielen Infizierten in der fleischverarbeitenden Industrie (KW25, 15.06.2020), lag der Anteil positiver Testungen bei 1,37%. Aktuell sinkt dieser Wert langsam wieder auf derzeit (KW34, 17.08.2020) 0,88%.

Der R-Faktor wurde nun für die beiden in der ersten Abbildung gezeigten Kurven berechnet. Die folgende Abbildung zeigt den ursprünglichen R-Faktor schwarz, die Kurve für den R-Faktor, der die Testzahlen berücksichtigt, rot-gestrichelt und die normierten Testzahlen grün-gestrichelt. Die Kurve zum ursprünglichen R-Faktor (Originaldaten RKI) verläuft horizontal mit einer leicht fallenden Tendenz. Die Kurve zum R-Faktor, der die Testzahlen berücksichtigt, fällt erkennbar ab und nähert sich wieder dem Wert von 1 (1,03 für den 23.08.2020). In den letzten 10 Tagen ist ein seitwärts-Trend zu beobachten. Bestätigt sich dieser Trend, sollte man in den nächsten Wochen feststellen, dass die auf die Testzahlen normierten Neuinfektionen nicht weiter steigen. Dies gilt unter der Annahme, dass sich keine weiteren Veränderungen einstellen.
